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No Direction Home

Messère
Messère

Ein Großteil der Welt, in der ich Zuhause bin, existiert nur noch in meiner Erinnerung. Eigentlich ganz praktisch, denn so trage ich sie immer mit mir herum. Wenn ich an einem Küchentisch sitze, meine Pfeife rauche, Kaffee trinke, Tom Waits höre und bis in die Puppen aufbleibe, dann bin ich Zuhause.

Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, als Rauchen noch nicht gesundheitsgefährdend war

Gerburg Jahnke

No Direction Home

Irgendwo in Frankreich
Irgendwo in Frankreich

Auf dem Foto seht ihr meinen Großvater, Hugo Zelter, natürlich mit Zigarette, als Soldat im ersten Weltkrieg. Mutter sagte immer, ich sei sein Ebenbild. Nicht nur was Gang und Gestik angeht. Wir hätten dieselbe sanfte Art. Opa sei ein feiner Mann gewesen. Ein Bergmann, ja, aber mit Bildung. Eine echte Nachteule. Heine habe er geliebt. Klassische Musik, aber auch Operette und die Schlager der Zeit. Er habe wunderbar Gitarre gespielt und herrlich gesungen ...

Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum

... und natürlich "Du schwarzer Zigeuner". Das waren die ersten Lieder, die ich kannte. Mutter hat sie mir vorgesungen. Und immer wieder die Lorelei. 


Ich weiß nicht, was soll es bedeuten

Dass ich heut' so traurig bin

Ein Märchen aus uralten Zeiten

Das geht mir nicht aus dem Sinn ...


Als Kind hatte ich eine Zeitlang Klavierunterricht. Bis ich es aufgab, weil ich keine Lust auf das Üben, Üben, Üben hatte und lieber Basketball spielen wollte. Die Lorelei konnte ich spielen. Und das Lied der Meermädchen aus der Oper Oberon von Weber. Ich weiß noch, als ich Mutter die Lorelei verspielte. Ihre schöne Stimme versagte beim Singen. Ich brach den Vortrag ab: "Warum weinst du, Mama?" - "Weil es so schön ist. Spiel' weiter!"


Die Liebe zu Poesie und Musik wurden mir in die Wiege gelegt. Auch einen Sinn für die Schönheit der Melancholie. Lieder und Gedichte sind meine Heimat. Wenn ich die Augen schließe und lausche, öffnen sich Räume. Da bin ich Zuhause. Ein altes Lied aus alter Zeit. 

Das letzte Bild, 1957
Das letzte Bild, 1957

Aus den Familiengeschichten weiß ich, dass Opa Zigarre und Pfeife geraucht hat. Das Rauchen stand zwar nie im Mittelpunkt der Geschichten, dazu war es damals viel zu selbstverständlich, aber es war immer gegenwärtig. Die Pfeife im Mund, das jüngste Kind auf dem Schoß, am Tisch in der großen Küche, wo sich das ganze Leben abspielte. 


Wenn alle sich zum Schlafen hingelegt hatten, saß Opa noch lange da, rauchte seine Pfeife, trank Kaffee und las. Bis zum Morgen. Als die Familie im Krieg ausgebombt wurde, ging auch Opas umfangreiche Bibliothek in Rauch auf. "Zum Glück", sagte er lakonisch, "habe ich die meisten Bücher schon gelesen." 


Welchen Tabak er geraucht hat, konnte mir niemand sagen. "Krüllschnitt", erinnerte sich Tante Ruth. Mehr weiß sie nicht mehr. Das ist zwar eine Schnittart, aber mit dem Hansa Krüll komme ich wohl meinem Opa am nächsten. Schwarzer Krauser hätte auch gut zu ihm gepasst. 

Wenn Opa rauchen wollte, bat er meine Mutter, ihm einen langen Holzspan, Fidibus, am Herd anzuzünden. Sie gab ihm damit Feuer. Wollte Großvater die Pfeife reinigen, musste Mutter im Stall ein paar Hühnerfedern holen. Hühner, eine Ziege oder ein Schwein gehörten zu jedem Haus in der Siedlung dazu, genauso wie das Gemüse im eigenen Garten. Als ich Kind war, hatte niemand mehr Nutztiere. In den Gärten gab es mehr Blumen als Salat. In den Anbauten, wo früher mal die Hühner und die Ziege gewohnt hatten, standen jetzt die Fahrräder. Der Sprachgebrauch hat sich aber bis heute bei uns erhalten. Wenn mich jemand fragt, wo mein Fahrrad steht, antworte ich ohne Nachzudenken: Im Stall!


Die Zigarre war für meinen Großvater etwas für besondere Anlässe. Sie wurde in der Kneipe und auf Feiern geraucht. Die Pfeife war etwas für den Alltag. Für den Küchentisch. Darin wurden auch Zigarrenstummel verwertet. Tabak war teuer. Das Geld oft knapp. Wir Kinder, erzählt Mutter, standen immer an erster Stelle. Wenn es Fleisch gab, waren die besten Stücke für die Kinder. Erst später hätte sie begriffen, warum ihr Vater in den schweren Jahren oft gesagt habe, dass er keinen Hunger habe. Die Kinder sollten das Fleisch ruhig aufessen. "So war unser Vater." 

Keines der Kinder sei je geschlagen worden, nie hätte es ein böses Wort gegeben. Wenn mein Großvater nicht Einverstanden war, habe er geschwiegen. Das hätte genügt. Die Hühner musste ein Nachbar schlachten. Alle Tiere hatten Namen aus bekannten Opern.


Zu den Aufgaben meiner Mutter gehörte es auch, mit einem Krug aus der Kneipe an der Ecke, an jeder Ecke gab es damals eine Kneipe, Bier zu holen. Auch das war normal! Mutter erzählte es immer mit Stolz. Es war eine Auszeichnung. Es bedeutete: Du bist schon groß genug. Ich vertraue dir! Das Feuerholen am Herd, das Bierholen in der Kneipe, das waren wahre Abenteuer für sie. Zeit ihres Lebens hat sie niemals Angst gehabt, einen Raum voller Leute zu betreten und laut und deutlich zu sagen, was sie möchte.

Erich Zelter, 1920 - 1942
Erich Zelter, 1920 - 1942

Eine gute alte Zeit war es aber nicht. Beide Brüder meiner Mutter starben im Krieg. Ein Trauma. Erich, der Älteste, hatte sich freiwillig zu den U - Booten gemeldet. Opa hatte eisern geschwiegen. Er teilte die Begeisterung seines Sohnes nicht. U 662 wurde 1942 im Südatlantik vor der Amazonasmündung von zwei amerikanischen Flugzeugen versenkt. Zunächst galt es als vermisst. Erst zwei Jahre später erfuhr die Familie mit Gewissheit, was alle schon geahnt hatten. Bei dem Angriff waren der Kapitän und zwei Offiziere, die sich auf dem Turm des Bootes befanden, über Bord geschleudert worden. Schwer verletzt

wurden sie nach Tagen auf See von einem amerikanischen Zerstörer gerettet und kamen in Kriegsgefangenschaft. Wegen der Verletzungen wurde KptL. Müller 1944 ausgetauscht. Den Brief, den er meinen Großeltern schrieb, haben wir heute noch. Der Maschinenobergefreite Erich Zelter hatte keine Chance. Ein Tagebuch von den ersten Feindfahrten ist geblieben, ein paar Fotos und ein letzter Brief aus L'Orient. Darin verabschiedet sich Erich, der am gleichen Tag wie meine Mutter Geburstag hat und am Geburtstag von Tante Ilse starb, von seinen Lieben. Ich komme nicht wieder. Erich.

 

Als meine Mutter zur Welt kam, hatten die anderen Kinder auf der Brennerstraße meinen Onkel gefragt, was er denn zum Geburtstag bekommen hätte. Ein Schwesterchen.

 

Alfons Zelter war ein Sunnyboy mit schwarzen Locken. Die Mädchen seien verrückt nach ihm gewesen. Er habe stets gesungen und gelacht. In den letzten Tagen des Krieges konnte Opa nicht mehr verhindern, dass er zum Volkssturm eingezogen wurde. Die Amerkaner standen in Recklinghausen jenseits des Rhein - Herne - Kanals und beschossen Wanne mit Artillerie. Ein Granatsplitter trennte das linke Bein ab. Der Arzt, der gerufen wurde, war total betrunken. Eine Ambulanz sollte Alfons ins Krankenhaus bringen. Opa fuhr mit. Unterwegs gab es Fliegeralarm. Der Krankenwagen musste unter einer Brücke halten. Im Krankenhaus ist mein Onkel in den Armen seines Vaters gestorben. Zuviel Blut verloren. Er war 17 Jahre alt. Einen Tag später war der Krieg in Herne vorbei.

Ilse, Alfons
Ilse, Alfons

Als mein Opa im Sterben lag, wechselten sich seine Töchter an seinem Bett ab. Am liebsten hatte er seine Jüngste um sich, meine Mutter. In einer der letzten Nächte bat er sie, mit dem Fidibus am Herd Feuer zu holen und eine Zigarre anzuzünden. "Du darfst doch nicht rauchen, Vater. Das hat der Doktor streng verboten." "Ich möchte nur, dass es nach Mann riecht!" So hat meine Mutter am Sterbebett ihres Vaters eine Zigarre geraucht.

 

Hugo Zelter war Zeit seines Lebens überzeugter Sozialdemokrat. Verwandte haben ihn während des Krieges gewarnt: "Wenn du so weiter machst, wirst du noch abgeholt!" Auf der Beerdigung hielt ein Freund, den Opa in der Nazizeit kurz bei uns versteckt hatte, bevor er das Land mit gefälschten Papieren verlassen konnte, eine berührende Rede, sorgte aber auch für einen Skandal. Oma, so fromm wie sie war, hatte selbstverständlich für ein christliches Begräbnis gesorgt. Nach dem Pfarrer hielt der alte Freund seine Grabrede. Er verdanke meinem Opa sein Leben. Damals im ersten Weltkrieg und dann nochmal in der dunklen Zeit. Dann hielt er es für seine Pflicht darauf hinzuweisen, dass der Hugo mit den Pfaffen und der Kirche nichts am Hut gehabt hätte. Am Ende zitierte er ein Gedicht von Heine. Das mit den Spatzen, denen der Himmel gehört. Tante Ruth kann es immer noch auswendig.

Flora Delicia Cuba Havanna Stinkadöse
Flora Delicia Cuba Havanna Stinkadöse

Abends in der Küche wird Musik gemacht, gesungen, getanzt und gelacht. Und geraucht. Die Kinder holen das Feuer. Mein Opa raucht eine "Flora Delicia Cuba Havanna Stinkadöse!" Wenn ich heute Tante Ruth besuche, sie ist 89 und die einzige auf dem Familienfoto weiter oben, die noch lebt, dann liegt immer eine Zigarre für mich bereit. Eine echte Havanna. Eine Romeo y Julietta, die beste, die es im kleinen Tabakladen in Eickel gibt. Eine Flora Delicia Cuba Havanna Stinkadöse. "Damit es nach Mann riecht."

Das bin ich 2001, natürlich auch mit Zigarette. Damals habe ich die Orte besucht, wo meine Vorfahren mütterlicherseits herkamen. Küfer und Winzer von der Mosel. Auf den Bildern besuche ich gerade Kobern - Gondorf Von dort begann die Odysee meines Urgroßvaters, Josef Zelter, die letztendlich im Ruhrgebiet endete. Dort, irgendwo zwischen Herne, Wanne Eickel und Bochum traf er seine Frau, Philippine Weyand, deren Reise in Breitenthal, Hunsrück, begann. 

 

Josef Zelter starb mit nur 49 Jahren bei einem Grubenunglück. Er hinterließ seine Frau mit acht Kinder. Mein Opa war damals acht Jahre alt. Uroma Philippine brachte die Familie mit eisernem Willen durch alle Krisen. Aufgeben war keine Option. Auch wenn die Kinder vor der Schule Zeitungen austragen mussten und sie selbst zwei Jobs hatte. Die Großen kümmerten sich derweil um die Kleinen. An Wochenenden verwandelte sich die kleine Wohnung in eine Wäscherei. Alle packten mit an. Der starke Zusammenhalt in unserer Familie geht wohl auf das Wirken von Philippine Zelter zurück. Josef Zelter verkörperte den Lebemann schlechthin. Er sagte immer, er habe in seinem Leben mehr Wein getrunken als andere Wasser. Philippine hingegen ist die verkörperte Resilienz. Sie war eine kleine eher zierliche Person. Ihre Energie schien jedoch grenzenlos zu sein.

Damit dürfte geklärt sein, warum mir Musik und Literarur so am Herzen liegen und warum bei uns drinnen geraucht wird. Das ist aber erst der Anfang der Geschichte. Auch ich habe in meiner Kindheit und Jugend, zu der Zeit, als Rauchen noch nicht gesundheitsschädlich war, prägende Erfahrungen mit dem blauen Dunst gemacht. Heimat ist eine verqualmte Küche. Ehrliche Gespräche am Küchentisch. Eine Welt voll Prilblumen und Glück.

Die eigentliche Droge in der Familie, die alle vereint, ist nicht der Tabak. Es ist der Kaffee. Den tranken und trinken die Raucher und Nichtraucher aller Generationen in Mengen. Frei nach dem Motto: "Die eine Kanne trinken wir noch!"  Die meisten unserer Treffen beginnen mit dem Satz: "Ich koch' uns erstmal einen Kaffee."
Die Nr. 1, Stanwell, 1982
Die Nr. 1, Stanwell, 1982

In den frühen 70ern war unsere Küche auf dem Kolkmannshof in Herne der Mittelpunkt der Familie. Oma Lina lebte bei uns. Das war selbstverständlich. Jeden Freitag, wenn die Männer im Turn - oder Gesangsverein aktiv waren und nachher in die Vereinskneipe gingen, dann trafen sich alle ihre Töchter in unserer Küche. Es gab Bratkartoffeln und Maatjes, die nach altem Familienrezept selbst eingelegt waren. Mutter hat schon als kleines Kind auf Opas Schoß lieber sauren Hering als Süßes gegessen. Auch so ein Familiending. Bei diesen Treffen in unserer Küche wurde alles besprochen. Wir Kinder waren natürlich dabei. Niemand nahm ein Blatt vor den Mund. 


Das war die kurze Zeit, als alle Schwestern rauchten. Es war ja gesund. Der Filterzigarette und blausäuregebleichtem Tabak sei Dank. Lord Extra und R1 hießen die Glimmstengel.

The sisters of mercy
The sisters of mercy

Kein Schönwettergetue! Hier darf alles gesagt werden! Das hat mich geprägt. Es hat etwas Befreiendes, mit Menschen offen reden zu können und sich geborgen zu fühlen. Diese verqualmte Küche war der sicherste Ort der Welt.

Unter den Schwestern stach Tante Annegret heraus, nicht nur wegen ihrer roten Haare. Sie war die feine Dame, was ihr aber niemand krumm nahm. Tante Anne fuhr Mercedes und rauchte starke Zigaretten von Dunhill. Ihr Mann, Onkel Siegfried, eigentlich Lokomotivführer, hatte Talent fürs Geschäft. Er machte in Versicherungen und war polnischer Kulturattaché für Gesangsvereine. Er besorgte Tante Ilse eine schicke Automatik - Uhr, die sie mir schenkte, als ich aufs Gymnasium kam. Die Uhr habe ich jahrzehntelang getragen, alles damit gemacht, Fußball gespielt, besoffen im Rhein - Herne - Kanal geschwommen ... Als neulich die Anzeige des Datums hakte, brachte ich sie zum Uhrmacher. Dem vielen fast die Augen aus.Vajoux Laufwerk der ersten Generation. Er bot viel Geld. Leider ist sie schon an meinen ältesten Enkel vererbt. Aber so waren Anne und Siegfried. Anne konnte aber auch anders. Sie hielt sich nicht lange mit Menschen auf, die ihr auf die Nerven gingen. Wenn es um Idioten ging, war ihr Rat unmissverständlich. Sie blies dann den Rauch ihrer Dunhill in die Luft, verdrehte die Augen und sagte nur: "Leck Arsch!"

Tante Annegret starb an meinem 22. Geburtstag. Auf meine Geschichte als Raucher hatte sie wohl den nachhaltigsten Einfluß. Denn durch sie ist der Name Dunhill der Inbegiff des Luxus für mich. Der Dunhill "Ealy Morning Pipe" war neben einem reinen Virginia, einer Hausmarke von Pfeifen Bresser in Wanne, der einzige Tabak den ich für mehr als 30 Jahre geraucht habe. 

Zur ersten Pfeife gab es 1982 als Empfehlung den unvermeidlichen Hocharomaten mit auf den Weg. Pflaume und Rum klang exklusiv und lecker. Schmeckte aber furchtbar. So war ich nach kurzer Zeit wieder im Tabakladen. Das Angebot war überwältigend. Ich wollte mir meine Unwissenheit nicht anmerken lassen. Von weiteren Empfehlungen hatte ich die Schnauze voll. Also blieb nur eines übrig. Dunhill. Selbstsicher zeigte ich auf die herrlich blaue Dose mit der gelben Sonne, die unter den anderen herausstach. "Ich nehme zwei!" Ich hatte meinen Tabak gefunden. Danke, Anne!

Wenn ihr euch fragt, warum alle Damen oben auf dem Foto so schick angezogen sind? Tante Ilse, die älteste der Schwestern, war Schneiderin. Sie war für das Erscheinungsbild der Familie zuständig. Auch mit uns Kindern hat sie die Bekleidung eingekauft. Wir durften selbst aussuchen, das war selbstverständlich, aber dann kam Ilses Qualitätskontrolle. "Das können wir nicht nehmen, guck mal wie das vernäht ist." Tante Ilse hat uns Kindern einen Sinn für Qualität und Handwerkskunst vermittelt. Das Teure, das länger hält, ist billiger als das Billige, das nach der zweiten Wäsche schon in Auflösung begriffen ist. Auch heute noch kaufe ich keine Hose, die ich nicht vorher auf links gedreht habe. Und auch beim Pfeifenkauf steht Tante Ilse immer neben mir. 


Als alleinstehende, berufstätige Frau, Tante Ilse liebte ihre Freiheit, war sie der Hauptsponsor für uns Kinder. Und sie war Kettenraucherin. Deshalb kaufte sie seit den 80ern nur noch Tabak und Blättchen, die sie mit einer Maschine zu Zigaretten verarbeitete. Ilse rauchte Drum. Vor dem Drehen ließ sie den Tabak lüften. "Zu feucht taugt er nichts. Am besten ist er, wenn er raschelt."


Von Tante Ilse habe ich gelernt, dass es auch schön sein kann, allein zu sein. Frei zu sein. Unabhängig. Sie mochte den Regen. Sie stand dann gern rauchend an ihrem geöffneten Küchenfenster. "Scheiß Wetter", sagte ich. "Ach, nee", sagte sie. "Ich mag den Regen. Kein Grund vor die Tür zu gehen."


Kurz nach ihrem Tod erschien sie mir im Traum. Ich war wieder in der alten Schule und fühlte mich unwohl unter den Klassenkameraden. Ilse zeigte mir eine große Truhe, die hinten im Klassenraum stand. Darin waren edle Kleider. Sie sagte: "Du wirst immer gut angezogen sein."


Suchbild, Grundschule am Drögenkamp, 1976
Suchbild, Grundschule am Drögenkamp, 1976
Pure Freude
Pure Freude

Meine erste Zigarette war eine Camel Filter am Bahndamm. Ich war noch Grundschüler. Eine Mutprobe. Anner Bude gekauf. "Eine Camel für Vatta!" "Zwei Mark, dreißich!" So lange ist das schon her. Mutter hat es sofort gerochen. "Du hast geraucht!" Das war alles. Schweigen. "Hat scheiße geschmeckt!", sagte ich. Sie nickte. Mein Vater hat als Jugendlicher ein Mal an einer Zigarette gezogen. Es hat ihm nicht geschmeckt. Also hat er es gelassen. Ich trat in seine Fußstapfen. Bis ich 16 wurde. Dann ging ich eigene Wege.

Väterlicherseits sind wir Schmiede aus Ostpreußen. Es gibt ein altes Foto von 1904, das zeigt Johann Heisel, meinen Urgroßvater, mit seinen 14 Kindern vor seiner Schmiede. Das Foto ist bei meiner Schwester in Kiel. Ich werfe es beim nächsten Besuch einscannen und hier zeigen.

 

Der Name Heisel, hat mir mal ein Prof an der Uni verraten, sei würtembergisch - alemannisch. Die Urahnen müssen also irgendwann einmal als oder im Gefolge der Kreuzritter gen Osten ins Land der Pruzzen gezogen sein. 

 

Johanns Söhne haben alle bei ihrem Vater Schmied gelernt, aber nur der Älteste konnte die Schmiede übernehmen. Meinen Großvater, Otto Heisel, zog es ins Ruhrgebiet. Dort wurden Männer wie er gebraucht. Am Ende seiner Karriere leitete er die Schlosserei der Zeche Julia in Herne - Baukau. Nach dem Krieg war er für den Wiederaufbau der Kettenbahn zum Kohletransport zwischen Zeche und Kraftwerk verantwortlich. Von der Zeche war in meiner Jugend außer einer Brache nur ein Straßenname geblieben.  Betreten streng verboten! Was für uns Kinder natürlich eine Aufforderung war. Das klang nach Abenteuer und Gefahr. Dort spielten wir Cowboy und Indianer. Ich war immer Indianer. Die Kühltürme des Kraftwerks überragen bis heute die kleinen zweistöckigen Häuser der Zechensiedlung. Der vertraute Anblick meiner Kindheit.

 

Opa Otto lernte seine Frau im Pott kennen. Die Familie meiner Oma Miele, Emilie Lauer, kam auch aus dem Osten. Mein Vater und vorher sein Bruder wurden in Herne geboren.

Die Hinterhöfe der Kindheit
Die Hinterhöfe der Kindheit

Mein Vater hat auf der Zeche Julia Elektriker gelernt, schaffte aber sozusagen den Sprung ans Licht. Er wurde Elektroingenieur bei Siemens. Später wechselte er zur Stadt Bochum. Sein Bier braute Moritz Fiege. Wenn in den städtischen Schulen die Lichter brennen, das Schauspielhaus festlich zur Vorstellung ruft und die Bühnentechnik funktioniert, dann weil mein Vater die Elektrik geplant und den Einbau überwacht hat. Auch im Schlachthof. Als Kind konnte ich faszinierende Einblicke in sonst verborgene Welten nehmen. Immer an der sicheren Hand meines Vaters. Ins Theater gehe ich immer noch gerne. In Schlachthöfe nicht. Jetzt wisst ihr, warum ich Vegetarier bin.


Das Beste aber war der Fußball. Natürlich nahm Vater mich mit ins Stadion. Westfalia Herne war damals eine große Nummer, schaffte es bis in die 2. Bundesliga. Nationaltorwart Hans Tilkowsky war Herner. Seine Tochter ist mit mir zur Schule gegangen. Mein erstes Bundesligaspiel habe ich auf Schalke gesehen. Der VfL war im Parkstadion zu Gast. Revierderby. Norbert Nigbur im Tor. Entstand 1 : 1. 


Die Abteilung meines Vaters bei der Stadt Bochum war für die Flutlichtspiele des VfL zuständig. Zwei Stunden vor Spielbeginn waren wir im Stadion, die Dieselgeneratoren für den Notstrom anwerfen. Ich wartete dann auf das Eintreffen der Mannschaftsbusse. Die Stars von damals habe ich alle hautnah erlebt. Beckenbauer, Netzer, Ente Lippens, ...

Alle dürfen deutscher Meister werden, nur nicht Bayern München. Vater und ich waren natürlich Fans der Fohlen vom Niederrhein. Das bin ich bis heute. Hennes Weißweiler stieg rauchend aus dem Mannschaftsbus.


Die Spiele schauten Vater und ich in einer der beiden Kabinen auf der Tribüne. In der anderen saßen die Radioreporter des WDR. Wenn das Fernsehen da war, dann saßen wir bei den Radioleuten. Ich habe neben Werner Hansch gesessen, als er das Spiel gegen die Bayern übertragen hat. 

No direction home
No direction home

Vater lernte Mutter in der Tanzschule in Wanne kennen. Er ging mit seinen Freunden dorthin, sie mit ihren Freundinnen. Die Bindungen, auch zu den Freunden und Freundinnen, blieben ein Leben lang bestehen. Mein bester Freund, den könnt ihr auch auf dem Grundschulbild suchen, war der Sohn des besten Freundes meines Vaters. Alle zusammen waren im Turnverein, die Männer auch noch im Fußballverein. Der Spitzname meines Vaters war Bussard. Die Eltern lebten in einem großen belastbaren sozialen Netz. Alle Geburtstage waren große Feiern. Man fuhr zusammen in den Urlaub. Jeder half jedem. Wir hätten uns das Haus, das die Eltern gekauft haben, nicht leisten können, wenn Vater nicht selbst die Elektrik gemacht hätte und wenn nicht vom Dachdecker, Klemptner bis zum Fliesenleger die Freunde vom Turnverein mitgeholfen hätten. Schwarzarbeit? Pustekuchen! Freundschaft heißt das.



Mamas R4
Mamas R4

Mutter war leidenschaftlich gern Hausfrau. Ihre Kuchen waren berühmt. Sie las ein Rezept und wusste sofort, was sie ändern muss, damit der Teig gelingt. Ein Ei mehr, etwas Zucker weniger. Schon mit 12 sei sie ihrer Mutter zur Hand gegangen. Das wäre ihr Ding gewesen. Ihren Vater hat sie als junge Frau gepflegt. Später lebte Oma bei uns. Tante Ilse wurde nach ihren Schlaganfällen bei uns Zuhause betreut und versorgt. 


Dabei empfand sich meine Mutter nicht als unterdrücktes Wesen. Opa hatte auf eine Berufsausbildung der Töchter gedrungen. Mutter hatte kurz in einer Bekleidungsfabrik in Bochum gearbeitet.Tante Ilse hatte den Job vermittelt. Ilse war dort Abteilungsleiterin. Eine Arbeitskollegin war eine Frau von Manger, die arbeiten musste,  weil ihr Mann als Schauspieler erfolglos blieb. Später wurde Jürgen von Manger als Adolf Tegtmeier berühmt. Auch ein Herner übrigens. Wahlherner, um es genau zu sagen.


Tante Annegret und Tante Ruth übernahmen in den 70ern die Kantine jener Fabrik und bewirtschafteten sie acht Jahre lang als freie Unternehmerinnen. Alle Schwestern waren patente Frauen. Als Mutter Vater kennenlernte, entschied sie sich bewusst dafür, Hausfrau und Mutter zu sein. Entscheidungen aller Art trafen die Eltern gemeinsam. Diskutiert wurde am Küchentisch. Mutter war immer meinungstark. Es war nie sein Geld. Immer unser Geld. Vater verdiente als Ingenieur genug für die Familie. Wir waren nicht reich, fuhren aber 2x im Jahr in den Urlaub und alle 10 Jahre kaufte Vater einen neuen Audi. Geld war nie ein großes Thema. Es kam genug herein. Das wurde dann ausgegeben. Meine jahrzehntelange Ahnungslosigkeit in Finanzangelegenheiten rührte genau daher.

Ich beneide meine Eltern sehr, dass sie sich Zeit ihres Lebens nie wirklich Sorgen um Geld machen mussten. Selbst als Rentner nicht. Sie waren total zufrieden mit dem, was sie hatten. Vielleicht weil sie wussten, wieviel mehr es im Vergleich zur Generation ihrer Eltern war. 


1961 machte Mutter ihren Führerschein. Natürlich kaufte sie sich ein eigenes Auto. Oben seht ihr einen ihrer vielen R4.


Bis heute hat meine Mutter in der Familie die meisten Strafmandate für zu schnelles Fahren. Herne, Heerstraße, wie immer auf den letzten Drücker unterwegs:  "Ich fahr' doch schon 70, und jetzt überholt der noch!" Zivilstreife: "20 DM. Nix für Ungut! Gute Fahrt!"

Mutter parkte immer in einem Zug rückwärts ein. Dazu musste sie nicht einmal aufhören mit dir zu reden. 


Das Bild habe ich im Rahmen der Foto AG in der Schule selbst entwickelt, ungefähr 1979 / 80.


Bis ins hohe Alter hinein haben die Eltern gerne getanzt, Händchen gehalten und sich geküsst. Es war eine große Liebe. Als mein Vater starb, verließ meine Mutter jeder Lebensmut. Fleurken hatte er sie genannt. Das Fleurchen wollte nicht ohne ihren Fiete sein. Geplant war der Umzug meiner Mutter zu meiner Schwester nach Kiel. Eigentlich wollte Mutter "nicht wech außem Pott". Musste sie dann auch nicht mehr. Der Aufenthalt in der Kurzzeitpflege sollte nur ein Zwischenstopp sein. 


Auf dem Foto mit dem Förderturm des Bergbaumuseums seht ihr den letzten Ausblick aus Mutters letztem Fenster. Pott pur. Als Vater ein Jahr zuvor starb, hielt meine Schwester seine Hand. Es war ihre Wache. Meine Mutter starb auf der Intensivstation im Anna Hospital Bochum. Meine Schwester und ich waren bei ihr. Letztendlich haben die Ärzte ihren letzten Willen akzeptiert und die Maschinen abgeschaltet. Das Herz schlug immer schwächer. Um 3.32h blieb es stehen. Sie ist in unseren Armen gestorben. Am Geburtstag ihrer Mutter.

Hier unten sind alles nur Zwischenstopps. Zuhause sind wir woanders.

Benzin im Blut
Benzin im Blut

Auf dem Foto sitze ich 1970 mit vier Jahren im Käfer von Onkel Horst. 1961 spielte genau dieser Käfer die Hauptrolle in einer geheimen Mission. Vater und Mutter waren frisch verlobt, lebten aber noch bei ihren Eltern. Vater musste von Siemens aus nach Berlin. Kurzerhand lieh er sich den Käfer von Onkel Horst und nahm Mutter einfach mit. Sie hat Zuhause erzählt, dass sie zu einer Freundin fahre. Die neue Super 8 Kamera von Onkel Horst war auch mit an Bord. Den Film habe ich im Nachlass entdeckt und digitalisieren lassen. Vater und Mutter vor dem Brandenburger Tor, das damals noch Zonengrenze war, am Checkpoint Charly, vor Schloß Schönbrunn, ... Beide halb so alt wie ich heute bin. So jung. So schön. So verliebt. Romantische Rebellen. 1961. Die ganze Zukunft noch vor sich ...


Dann sind wir Helden für einen Tag

David Bowie

Eigenes Glück, Landesmuseum Molfsee
Eigenes Glück, Landesmuseum Molfsee

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